26.08.2007

MyFootballClub: Eine Community organisiert sich!

Aussenstehende, Beobachter, Blogger, Jugend der Welt!
Ihr alle, die Ihr skeptisch seid, was das Vorhaben von 50.000+ Fussballfans angeht, gemeinsam einen Club zu kaufen und ihn gemeinsam zu führen, Ihr, die Ihr Euch nicht vorstellen könnt, das ein Fussballteam von mehr als einem Manager gelenkt werden kann, Ihr, die Ihr Chaos, Untergang und den Triumph des Wahnsinns über die Vernunft erwartet, die das traurige und definitive Ende eines englischen Fussballclubs erwarten, der in die Hände der MyFootballClub-Community gerät, ja, Ihr alle, lasst Euch sagen: Ich kann Eure grundlegende Skepsis gut verstehen…
Wer die vorangegangenen Postings [insbesondere "Der erste Tag im Club" und "Die Mission"] in diesem Blog gelesen oder zumindest überflogen hat, weiss, das auch ich diesem gesamten Experiment mit einem gewissen Zweifel beigetreten bin…

Dabei wirke ich bestimmt manchmal wie eine alte Meckerziege - oder wie der Statler und Waldorf des MyFootballClub.
Ich bitte das nicht misszuverstehen: Ich liebe die Idee, dass es einen Fussballclub gibt, der von den Fans geleitet wird.
Fussball muss – wenn er lebensfähig sein will – mit seinen Fans interagieren. Davon bin ich überzeugt. Nicht sich von den Fans mehr und mehr entfernen und sie zur puren [beinahe schon lästigen] Geldeinnahmequelle dekradieren…

MyFootballClub ist – neben dem FC United of Manchester [ungleich Manchester United FC] – ein auf seine Weise radikaler, aber möglicher Gegenentwurf.
Mehr allerdings ist MyFootballClub [noch] nicht. Mit Naivität und Blauäugigkeit und Abfeiern der eigentlich ganz tollen Idee wird das Projekt normal letztlich eher scheitern müssen, als erfolgreich zu sein.

"WAS MACHEN WIR HIER EIGENTLICH GERADE?"

Auffällig in diesem Zusammenhang die Entwicklung des MyFootballClub-Member-Forums in der vergangenen Woche: War die Atmosphäre in den ersten Tagen geprägt von einer Überausschüttung von Adrenalin, das in den Beiträgen schiffladungsweise produziert wurde, ist es mittlerweile bedächtiger geworden.
Trotz anhaltender Begeisterung hat sich in den ersten Rauschzustand etwas Reflektion gemischt. Langsam erkennt die Community, das sie – um für einen Fussballclub relevante Entscheidungen treffen zu können – lernen muss.

Leute, was machen wir hier eigentlich gerade? Wieviel verdient eigentlich ein League 2- oder Conference-Spieler, wieviel des Jahresumsatzes darf an Spielergehälter draufgehen? Wie funktioniert dieses ganze Business nun eigentlich wirklich?
MyFootballClub betritt langsam aber sicher die nächste Stufe: Noch keinen Verein gekauft, versuchen Mitglieder die Zusammenhänge im Fussballgeschäft zu begreifen.

In irgendeinem englischsprachigen Zeitungsartikel [ich kann ihn gerade nicht wiederfinden] fragte der Autor: Wenn jeder ein Fussballteam managen kann, warum macht es dann nicht jeder?
Eine dämliche Frage, ja klar, Pustekuchen. Weil es vielleicht nicht genug Clubs gibt?
Was der Autor aber eigentlich sagen wollte, war wohl eher: Eine Gruppe von Web2.0-Hooligans kann nur zu unausgebildet für eine derartige Aufgabe sein, sind doch eh alle immer nur besoffen oder drogenabhängig…
Und in gewisser Weise liegt der Autor auch richtig: Natürlich kann nicht jeder Stammtisch einen Club besser führen, als ein professioneller Teammanager.
Was aber, wenn der Stammtisch auf einmal beginnt, sich ernsthaft und intensiv mit den Details des Tagesgeschäfts auseinanderzusetzen?

Sicherlich sind an so manchem Stammtisch viele Gehirnzellen verloren gegangen, aber wieviele Gehirnzellen besitzt ein erfolgreicher Teammanager, der während seiner aktiven Profifussballer-Karriere tausende ungeheure Kopfbälle ins Tor gerammt hat?
Wir sprechen im Normalfall von keinen Intelligenzbestien, die das big business in den grossen Clubs leiten.
Was wird aber nun, wenn diese Gruppe von Web2.0-Hooligans zum einen die Regeln des Geschäfts erlernt und zeitgleich seine Intuition behält?

Die Weiterentwicklung und Selbstorganisation der Community, das Erstellen von Regeln und eigenen Gesetzmässigkeiten, das Entstehen von Verantwortungsgefühl machen MyFootballClub in diesen Tagen beinahe täglich immer interessanter, vielschichtiger und weniger Schnapsideen-mässig als zu Beginn…

Übrigens: Es ist nicht zu spät, ein Bestandteil dieser Entwicklung zu werden… ein Klick wäre der Einstieg…

10.08.2007

Der erste Tag im MyFootballClub

Aus irgendwelchen [mir nicht wirklich erklärlichen] Gründen dauerte es einige Tage, bis ich meine Beteiligungssumme [die ominösen £ 35] in den MyFootballClub-Fond einzahlen konnte, da die Organisation [sprich: die Vermögensverwalter meines zukünftigen Clubs] offensichtlich nicht darauf vorbereitet waren, das jemand ausserhalb des Britischen Königreichs in einen englischen Club einsteigen will…

Was haben die Jungs denn erwartet? Ist Roman Abramowitsch [Besitzer von Chelsea London FC] etwa Brite?
Sind George Gollett und Tom Hicks [die Besitzer von Liverpool FC] etwa Prince Charly und Queen Liza höchstpersönlich? Oder eher die in die Realität katapultierte Version von Dagobert Duck und Gustav Gans?
Und ist Manchester United's Besitzer Malcolm Glazer very british wie James Bond? Nee, issa nich. Also, bitte… natürlich werden bei MyFootballClub vor allem Ausländer einen englischen Club kaufen. Warum sollte es diesmal anders sein?

Ist letztlich auch egal… Schwamm drüber. Die Verwalter des Clubvermögens haben relativ fix reagiert und nach wenigen Tagen war es mir schliesslich möglich, meine finanzielle Beteiligung beizusteuern und damit Zutritt zu den, ich nenn es mal, "geheimen Hallen von MyFootballClub" zu erhalten.

Dieser Bereich, der nur denjenigen Members [Mitgliedern] zugänglich ist, die bereits ihren finanziellen Obulus geleistet haben, ist letztlich nichts anderes als ein stinknormales Diskussionsforum im MyFootballClub-Design.
Klingt wenig spektakulär, dennoch: Die ersten Momente haben mich schier erschlagen!

Das war hier nicht irgendein weiterer Nerd-Treffpunkt, wo die User dickbäuchig, gelangweilt und selbstgefällig ihr Wissen mit der Welt zwar nicht teilen wollen, aber immer jederzeit bereit sind, alle wissen zu lassen, das sie es könnten, wenn sie nur nur nicht so dickbäuchig, so langweilig und so selbstgefällig wären…

Das MyFootballClub-Forum bestand vor meinem ersten Besuch erst wenige Tage, trotzdem gab es bereits über 1000 Themen und circa 20.000 Postings. Ein unüberschaubarer Wust an Information. Eine Ideenmaschinerie im Durchfall-Modus. Nur einige wenige Klicks, zwei bis drei überflogene Themen und eine handvoll gelesener Postings später brauchte ich erstmal eine kurze Pause.

Die Stimmung im MyFootballClub-Forum war geprägt von nackter Euphorie. Die Art von purer Euphorie, die auf einem schmalen Grad zur Hysterie torkelt. Goldgräberstimmung. Inklusive der üblichen Fussball-Allmachtsfantasien und Masterpläne zum "Gewinn der Champions League innerhalb von drei Jahren".

Was ich befürchtete, fand sich schnell: Kleingeistige Klopsbeutel, die meinen, weil sie auf ihrer Spielekonsole FM2006 gezockt haben, würden sie besser als alle anderen checken, was Fussballbusiness ist und wie man zum Erfolg kommt ["Geld generieren, noch mehr Geld generieren, Ronaldinho kaufen, Champions League gewinnen, fertich!"].
Wobei das Geld, das generiert werden sollte, vor allem aus den Taschen der Clubbesitzer kommen soll, gezahlt für irgendwelche "Zusatzleistungen" wie Live-Übertragungen der Spiele via Satellit [sic!] oder Internet-TV [diskutierte Pay Per View-Kosten: £ 5 pro Spiel! Für einen vielleicht viertklassigen Verein? Hallo? Geht's noch?].
Mein Gegenvorschlag: Die Mitglieder sollten für jedes Forum-Posting 10p zahlen [für die besonders dummen Postings das Doppelte] und die Clubfinanzen wären schnell in ganz sicheren Fahrwassern…

Keine Ahnung, was das nun alles für Nasen sind, die jetzt übernacht meine Geschäftspartner geworden sind. Ich vermute sehr viele gelangweilte Teenager ohne Freunde, die möglichst bis zum nächsten Sommer ihr Leben komplett erlebt haben wollen, weil sie dann eh was anderes interessiert… z.B. FM2008.
Haben diese Jungs begriffen, das diesmal keine Einsen und Nullen mit dem Joystick bewegt werden, sondern vermutlich erstmal nur administrative Aufgaben "virtuell und basisdemokratisch beschlossen"?

Ist bereits in den Köpfen der [baldigen] Clubbesitzer angekommen, das unsere armen Kicker immer noch zwei real life-Füsse brauchen, wenn sie für die Ehre unseres Team spielen dürfen, und das sie immer noch eine eigene real life-Birne benötigen, die sie hinhalten können, wenn die Flanke in den Strafraum segelt?
Leider können wir ihnen das nicht komplett abnehmen… MyFootballClub ist nunmal kein Fussball-Manager-Strategiespiel mit lizensierten Spielernamen aus 66 Ligen… Schade eigentlich.

Mit etwas Aufmerksamkeit und Geduld fanden sich aber auch schliesslich andere Charaktere im Forum: Die realistischen Träumer, die vermuten, das erstmal eine Menge Fehler passieren werden, der Club bankrott gehen muss, bevor er wie Phönix aus der Asche aufsteigt und am Ende das Gute [also uns!] siegen lässt. Und es fanden sich auch Mitglieder, die eine ähnliche Mission verfolgen wie ich, nämlich alles menschenmögliche zu unternehmen, um das Schlimmste von dem bald zu übernehmenden Team abzuwenden…
Ein Experiment auf Leben und Tod - der Einsatz wird nicht mein eigenes Leben, sondern die Existenz eines Fussballclubs…
[wird fortgesetzt]

03.08.2007

MyFootballClub: Die Mission



Guten Tag, Sie werden mich nicht kennen. Obwohl: Ich stehe kurz davor bald in einem Atemzug mit dem Putin-Vertrauten Roman Abramowitsch genannt zu werden, dem russischen Gasmogul mit eigenem Fussballclub, dem Chelsea London FC.

Vielleicht werden Sie mich auch beschimpfen, als wäre ich Tom Hicks. Klingt für mich auch nicht unwahrscheinlich. Okay, das ist noch nicht ganz die selbe Liga, aber vom Prinzip das gleiche System. Sicherlich ist Tom mit seinem Fussballteam Liverpool FC bald ein direkter Konkurrent meines Clubs.

Als fussballinteressierter Mensch sollten Sie sich deshalb einfach diesen Namen merken: J Amaretto. Besitzer von... mal sehen, irgendeiner dieser englischen Fussballclubs wird wohl in Kürze mein werden.

Sie glauben, ich schreibe wirr? Glaub ich gern.

Vor circa einer Woche hätte ich mir bei derartigem Gesülze bestimmt noch selbst den Scheibenwischer gezeigt, aber am Morgen des 30.Juli fiel mein Blick auf einen Artikel in der Berliner Zeitung, überschrieben: 'Besitze den Club, wähle das Team - Fans wollen einen englischen Fussballclub kaufen und selbst managen'.

Der Artikel hatte folgenden Inhalt:



Von Daniel Baumann

Weise ist, wer die Masse entscheiden lässt. Diese Entdeckung machte der englische Universalgelehrte Francis Galton schon 1906. Er errechnete damals den Durchschnitt aller Schätzungen, die Besucher eines Viehmarktes zum Gewicht eines Ochsen abgaben. Die Masse schätzte den 1.198 Pfund schweren Ochsen nur um ein Pfund falsch ein. Galton nannte seine Entdeckung die Vox populi.

Ob die Stimme des Volkes auch beim Fussball mehr zählt als das vermeintliche Expertenwissen des Trainers, wollen Fans nun am Beispiel eines englischen Fussballclubs prüfen. Die Website MyFootballClub.co.uk sucht 50 000 Fans, die bereit sind, für den Erwerb eines Clubs jeweils £35 (etwa 52 Euro) zu bezahlen. Als Gegenleistung erhalten sie eine Aktie und eine Stimme. Damit dürfen sie dann im Internet über die Vereinspolitik, Spielertransfers und über die Mannschaftsaufstellung abstimmen - frei nach dem Motto, dass der Trainer ohnehin der Einzige im Stadion ist, der von Fussball keine Ahnung hat.

49.172 Fans haben sich bis gestern bereits angemeldet, die das Projekt unterstützen wollen. Sobald die letzten 828 gefunden sind, werden sie darüber abstimmen, welchen Klub sie kaufen wollen. Ganz oben auf der Favoritenliste steht im Moment Leeds United. Der renommierte Klub ist im letzten Jahr in die dritte englische Liga abgestiegen. [...]

Für die Übernahme eines Club wie Leeds United werden die 1,375 Millionen £ (mehr als zwei Millionen Euro), die den Fans zur Verfügung stehen, wohl aber nicht reichen. Sie sympathisieren daher mit der Idee, mit einem Klub aus einer der unteren Ligen den englischen Fussball zu erobern. Ein weltumspannendes Scouting-Netz von 50.000 Fans, eine Vereinspolitik, die sich auf die Weisheit der Vielen verlassen kann und natürlich finanzkräftige Sponsoren sollen dafür sorgen. Der Computerspiele-Hersteller EA Sports hat bereits das Werbepotenzial des Experiments entdeckt und zugesichert, mehrere Millionen £ investieren zu wollen. Von ihrem Erfolg sind die Macher überzeugt. "Ich hatte immer den Gedanken an eine Gruppe von Fans, die Geld in einen Fussballclub investieren, und es nicht herausnehmen" sagt Will Brooks, ehemaliger Fussballjournalist und Gründer von MyFootballClub. "Wir sind ein potenzieller Glücksfall für jeden Fussballclub, weil die meisten anderen Besitzer in ihrem Club nur eine Möglichkeit sehen, Geld zu verdienen."

[aus: Berliner Zeitung, 30.07.2007]


Okay, mein erster Gedanke: Schwachsinn!

Mein zweiter Gedanke: Absoluter Schwachsinn!!

Begründung.

Erstens: Ich glaube nicht, das Demokratie funktioniert. Demokratisch gefällte Entscheidungen sind meistens ein fauler Kompromiss aus mehreren für sich gesehenen guten Ideen. Nach dem aber Konzepte einen demokratischen Prozess durchlaufen haben, sind sie nur ein in die Realität geschleuderte Erinnerung einer guten Idee, allerdings in der mutierten Form eines fleischgewordenen Alptraums.

Okay, ganz so schlimm ist es nun auch wieder nicht, aber von der Tendenz gehts wohl schon überwiegend in diese Richtung. Demokratische Prozesse funktionieren maximal im ganz kleinen Rahmen, wenn sich alle Beteiligten gut kennen und jeder aufeinander eingehen will und die Bedürfnisse der anderen weitgehend respektiert. Im grösseren Rahmen funktioniert das nicht [Anmerkung: Eine von Menschen organisierte Alternative zur Demokratie, die alle - oder zumindest mich - zufriedenstellt, kann ich leider auch nicht präsentieren...]

Zweitens: Wer immer diese 50.000 Manager am Ende seien mögen... Meine Begegnungen mit selbsternannten Fussballfachleuten, so wie ich selbst einer bin, haben mir vor allem eines bewiesen:

Diese Leute haben keine Ahnung, vor allem nicht von diesem Spiel. Sie wissen nicht, wovon sie reden. Sie können Dir vielleicht die Ohren mit Pamphleten über Abseitsfalle und Viererkette ausbluten lassen, mit dem richtigen Promillegehalt können Sie sogar lautstark halbwegs unterhaltsame Beschimpfungen in Richtung des eigenen Teams loswerden, aber ein Spiel lesen, geniessen oder gar verstehen - Fehlanzeige!

"Der Ball ist rund", "Elf Freunde müsst ihr sein", "Gewollt habe ich schon, aber gedurft haben sie mich nicht gelassen"... hahaha... Jajaja, das ist das Niveau. Schenkelklopfen vom Elfmeterpunkt.

Wo soll das also hinführen, wenn eine Horde unzivilisierter Barbaren einen englischen Fussballclub übernimmt und über Dinge wie Kauf und Verkauf von Spielern, Spielaufstellungen und so weiter entscheidet?

Sorry, aber ich bin mir ganz sicher: Das kann nur schiefgehen. Francis Galton hin oder her, vox populi ist für'n Müll.

Alleine würde ich diese Aufgabe jederzeit übernehmen, keine Frage. Da aber noch 49.999 andere mitreden wollen, kann das eigentlich nur katastrophal enden.

[…] Verflixt, ich habe keine Ahnung, ob es den MyFootballClub-Mitgliedern gelingen wird, einen englischen Fussballverein zu übernehmen oder nicht. Leeds United würde es laut dem oben zitierten Artikel nicht werden. Das ist prima, die haben, glaub ich, eh ein Hooligan-Problem.

Wenn es aber tatsächlich gelingen würde, einen anderen Club zu übernehmen, dann habe ich nach Lesen dieses Artikels die verd***te Menschenpflicht als real existierender Fussballfachmann in allen Lebenslagen das Schlimmste zu verhindern. Oder ich würde mich ewig ärgern und schuldig fühlen. […]

Dieses Gefühl liess mich exakt 48 Stunden nicht mehr los.

Dann registrierte ich mich auf der Website von MyFootballClub.co.uk.