03.08.2007

MyFootballClub: Die Mission



Guten Tag, Sie werden mich nicht kennen. Obwohl: Ich stehe kurz davor bald in einem Atemzug mit dem Putin-Vertrauten Roman Abramowitsch genannt zu werden, dem russischen Gasmogul mit eigenem Fussballclub, dem Chelsea London FC.

Vielleicht werden Sie mich auch beschimpfen, als wäre ich Tom Hicks. Klingt für mich auch nicht unwahrscheinlich. Okay, das ist noch nicht ganz die selbe Liga, aber vom Prinzip das gleiche System. Sicherlich ist Tom mit seinem Fussballteam Liverpool FC bald ein direkter Konkurrent meines Clubs.

Als fussballinteressierter Mensch sollten Sie sich deshalb einfach diesen Namen merken: J Amaretto. Besitzer von... mal sehen, irgendeiner dieser englischen Fussballclubs wird wohl in Kürze mein werden.

Sie glauben, ich schreibe wirr? Glaub ich gern.

Vor circa einer Woche hätte ich mir bei derartigem Gesülze bestimmt noch selbst den Scheibenwischer gezeigt, aber am Morgen des 30.Juli fiel mein Blick auf einen Artikel in der Berliner Zeitung, überschrieben: 'Besitze den Club, wähle das Team - Fans wollen einen englischen Fussballclub kaufen und selbst managen'.

Der Artikel hatte folgenden Inhalt:



Von Daniel Baumann

Weise ist, wer die Masse entscheiden lässt. Diese Entdeckung machte der englische Universalgelehrte Francis Galton schon 1906. Er errechnete damals den Durchschnitt aller Schätzungen, die Besucher eines Viehmarktes zum Gewicht eines Ochsen abgaben. Die Masse schätzte den 1.198 Pfund schweren Ochsen nur um ein Pfund falsch ein. Galton nannte seine Entdeckung die Vox populi.

Ob die Stimme des Volkes auch beim Fussball mehr zählt als das vermeintliche Expertenwissen des Trainers, wollen Fans nun am Beispiel eines englischen Fussballclubs prüfen. Die Website MyFootballClub.co.uk sucht 50 000 Fans, die bereit sind, für den Erwerb eines Clubs jeweils £35 (etwa 52 Euro) zu bezahlen. Als Gegenleistung erhalten sie eine Aktie und eine Stimme. Damit dürfen sie dann im Internet über die Vereinspolitik, Spielertransfers und über die Mannschaftsaufstellung abstimmen - frei nach dem Motto, dass der Trainer ohnehin der Einzige im Stadion ist, der von Fussball keine Ahnung hat.

49.172 Fans haben sich bis gestern bereits angemeldet, die das Projekt unterstützen wollen. Sobald die letzten 828 gefunden sind, werden sie darüber abstimmen, welchen Klub sie kaufen wollen. Ganz oben auf der Favoritenliste steht im Moment Leeds United. Der renommierte Klub ist im letzten Jahr in die dritte englische Liga abgestiegen. [...]

Für die Übernahme eines Club wie Leeds United werden die 1,375 Millionen £ (mehr als zwei Millionen Euro), die den Fans zur Verfügung stehen, wohl aber nicht reichen. Sie sympathisieren daher mit der Idee, mit einem Klub aus einer der unteren Ligen den englischen Fussball zu erobern. Ein weltumspannendes Scouting-Netz von 50.000 Fans, eine Vereinspolitik, die sich auf die Weisheit der Vielen verlassen kann und natürlich finanzkräftige Sponsoren sollen dafür sorgen. Der Computerspiele-Hersteller EA Sports hat bereits das Werbepotenzial des Experiments entdeckt und zugesichert, mehrere Millionen £ investieren zu wollen. Von ihrem Erfolg sind die Macher überzeugt. "Ich hatte immer den Gedanken an eine Gruppe von Fans, die Geld in einen Fussballclub investieren, und es nicht herausnehmen" sagt Will Brooks, ehemaliger Fussballjournalist und Gründer von MyFootballClub. "Wir sind ein potenzieller Glücksfall für jeden Fussballclub, weil die meisten anderen Besitzer in ihrem Club nur eine Möglichkeit sehen, Geld zu verdienen."

[aus: Berliner Zeitung, 30.07.2007]


Okay, mein erster Gedanke: Schwachsinn!

Mein zweiter Gedanke: Absoluter Schwachsinn!!

Begründung.

Erstens: Ich glaube nicht, das Demokratie funktioniert. Demokratisch gefällte Entscheidungen sind meistens ein fauler Kompromiss aus mehreren für sich gesehenen guten Ideen. Nach dem aber Konzepte einen demokratischen Prozess durchlaufen haben, sind sie nur ein in die Realität geschleuderte Erinnerung einer guten Idee, allerdings in der mutierten Form eines fleischgewordenen Alptraums.

Okay, ganz so schlimm ist es nun auch wieder nicht, aber von der Tendenz gehts wohl schon überwiegend in diese Richtung. Demokratische Prozesse funktionieren maximal im ganz kleinen Rahmen, wenn sich alle Beteiligten gut kennen und jeder aufeinander eingehen will und die Bedürfnisse der anderen weitgehend respektiert. Im grösseren Rahmen funktioniert das nicht [Anmerkung: Eine von Menschen organisierte Alternative zur Demokratie, die alle - oder zumindest mich - zufriedenstellt, kann ich leider auch nicht präsentieren...]

Zweitens: Wer immer diese 50.000 Manager am Ende seien mögen... Meine Begegnungen mit selbsternannten Fussballfachleuten, so wie ich selbst einer bin, haben mir vor allem eines bewiesen:

Diese Leute haben keine Ahnung, vor allem nicht von diesem Spiel. Sie wissen nicht, wovon sie reden. Sie können Dir vielleicht die Ohren mit Pamphleten über Abseitsfalle und Viererkette ausbluten lassen, mit dem richtigen Promillegehalt können Sie sogar lautstark halbwegs unterhaltsame Beschimpfungen in Richtung des eigenen Teams loswerden, aber ein Spiel lesen, geniessen oder gar verstehen - Fehlanzeige!

"Der Ball ist rund", "Elf Freunde müsst ihr sein", "Gewollt habe ich schon, aber gedurft haben sie mich nicht gelassen"... hahaha... Jajaja, das ist das Niveau. Schenkelklopfen vom Elfmeterpunkt.

Wo soll das also hinführen, wenn eine Horde unzivilisierter Barbaren einen englischen Fussballclub übernimmt und über Dinge wie Kauf und Verkauf von Spielern, Spielaufstellungen und so weiter entscheidet?

Sorry, aber ich bin mir ganz sicher: Das kann nur schiefgehen. Francis Galton hin oder her, vox populi ist für'n Müll.

Alleine würde ich diese Aufgabe jederzeit übernehmen, keine Frage. Da aber noch 49.999 andere mitreden wollen, kann das eigentlich nur katastrophal enden.

[…] Verflixt, ich habe keine Ahnung, ob es den MyFootballClub-Mitgliedern gelingen wird, einen englischen Fussballverein zu übernehmen oder nicht. Leeds United würde es laut dem oben zitierten Artikel nicht werden. Das ist prima, die haben, glaub ich, eh ein Hooligan-Problem.

Wenn es aber tatsächlich gelingen würde, einen anderen Club zu übernehmen, dann habe ich nach Lesen dieses Artikels die verd***te Menschenpflicht als real existierender Fussballfachmann in allen Lebenslagen das Schlimmste zu verhindern. Oder ich würde mich ewig ärgern und schuldig fühlen. […]

Dieses Gefühl liess mich exakt 48 Stunden nicht mehr los.

Dann registrierte ich mich auf der Website von MyFootballClub.co.uk.


Keine Kommentare: